Der Weg in die Mutterrolle

Angeregt durch den berührenden Artikel von Frau Ami, hab ich mir auch mal Gedanken gemacht, wie ich zu der Lebenssituation gekommen bin, in der ich mich jetzt befinde und die so anders ist, als früher mal gedacht:

Mir geht es in vielen Bereichen ähnlich wie Frau Ami. Unser Großer war zwar kein Unfall sondern “geplant” aber wir haben irgendwann kurz vor seiner Geburt beide mal einstimmig gesagt, dass wir überhaupt nicht überlegt haben, was ein Kind bedeutet oder ob man nicht doch noch ein/zwei Jahre wartet. Wir haben einfach “gemacht”. ;-) Ich war damals auch am Karrieremachen - hatte eine eigene Software erdacht und die Entwicklung geleitet und drei Jahre zuvor in einem kleinen aufstrebenden Unternehmen die Chance bekommen, diese “meine” Software zu verkaufen. Dann saß ich da vor ein paar älteren Herren von verschiedenen Weltfirmen und erklärte ihnen als junges Mädchen (ich war damals 25), was sie besser machen müssten. Und sie hörten mir sogar zu. Und ich verdiente gutes Geld - sehr gutes. Zusätzlich gab es noch das Vorhaben der Promotion und für alle Freunde und Studienkollegen war immer klar, Kaanu macht mal richtig Karriere.

Und dann kam Felix und ich schlitterte knapp an einer Wochenbettdepression vorbei. Es dauerte fast 2 Monate, bis ich unseren Zwerg liebte. Vorher fühlte ich mich nur verantwortlich für ihn und sein Wohlergehen. Er wurde perfekt gehegt und gepflegt, aber wirkliche Mutterliebe musste erst wachsen. Aber irgendwann war sie da und von Monat zu Monat wurde es leichter. Problematisch kam dazu, dass ich immer allein mit ihm da stand. Mein Mann kämpfte ums Fortbestehen des Familienunternehmens und Schwiegermutter interessierte sich nur für den anderen Enkelsohn, weil ich ja alles so gut hin bekam. Mit 8 Monaten nahm ich mir dann einen Babysitter, der zweimal in der Woche mit unserem Sohn für eine Stunde spazieren ging. Das Gefühl, mal eine Stunde nicht für sein unmittelbares Wohlergehen verantwortlich zu sein, tat mir gut. Auch geholfen beim Einfinden in die neue Lebenssituation hat das Arbeiten nebenbei - ich hab mir zwar des öfteren Nächte um die Ohren geschlagen, damit ich Projekte fertig bekam, aber ich war drin im Leben. Mit 10 Monaten kam der Große dann für drei Vormittage die Woche zur Tagesmutter und meine Arbeitssituation entspannte sich.

Als er mit anderthalb Jahren endlich einen Krippenplatz bekam, spitzte sich die Situation in der Firma meines Mannes immer mehr zu. Es gab lange Gespräche und ich entschied mich für unser Familienglück, kündigte den Job in München und fing bei meinem Mann an. Es war damals eine sehr schwierige Entscheidung. Der Job in München war MEIN Job, er war maßgeschneidert, es war meine Idee, die ich da verkaufen durfte. Aber mein Realitätssinn sagte mir, dass ein rund-um-die-Uhr arbeitender Vater und eine 150km vom Wohnort entfernt beschäftigte Mutter keine gute Konstellation sind. Und ich ging das Risiko ein und damit den ersten Schritt in die Richtung des Akzeptierens, dass mein Lebensentwurf sich ändert. Der Schritt war schwierig, aber er war richtig. Ich habe auch in der Firma meines Mannes Verantwortung, treffe Entscheidungen, aber ich muss auch einiges machen, was mir nicht liegt und andere Dinge, in denen meine Stärke liegt (wie das Projektgeschäft), mache ich nicht mehr. Dafür leite ich das Projekt Familie - und das meiner Einbildung nach erfolgreich. ;-)

Dann kam genau vor einem Jahr Sohn Nr. 2. Ich war inzwischen eingearbeitet und trug einige Verantwortung. Noch einen Tag vor der Entbindung saß ich am Schreibtisch und zwei Tage später wieder - wenn auch nur sehr eingeschränkt. Ich habe nie wirklich Mutterschutz gehabt und es ging mir gut dabei. Sobald der Kleine schlief und der Große in der Kita war, erledigte ich meine Arbeit am Schreibtisch. Dabei ist es natürlich sehr von Vorteil, dass wir unsere Wohnung an der Firma haben und ich nicht mal das Haus verlassen musste, um ins Büro zu kommen. Die meisten haben mit den Kopf geschüttelt, ob dieser Entscheidung - Baby und arbeiten (ohne Tagesmutter, ohne wirklich helfende Oma). Aber für mich war es gut so. Ich war gefordert. Ab und zu auch mal überfordert, aber insgesamt ging es mir viel besser als im ersten Jahr mit dem Großen.

Erst jetzt mit zwei Kids lerne ich langsam, auch am Bauklötze stapeln Spaß zu haben und manchmal gibt es sogar etwas (minimale) Dekoration, aber voll in der Mutterrolle versinken, dass würde bei mir zum größten innerlichen Chaos führen und das würde auch den Kindern nicht gut tun. Selbstverständlich kümmere ich mich in allen Lebenslagen um unsere Jungs, beschäftige mich viel mit ihrer Erziehung, bin immer für sie da, engagiere mich im Elternbeirat, um an allem möglichst nah dran zu sein.

Ich denke, auch ich kann sagen, ich bin angekommen in der Balance zwischen Arbeit und Kindern. Und wo ich das so gerade reflektiere, macht das auch mich etwas stolz. Eine Promotion wird es nicht mehr geben, aber ich bin glücklich - ich habe eine wundervolle Familie und eine verantwortungsvolle Arbeit und eine bestens funktionierende Ehe.

Danke für den Gedankenanstoß Frau Ami. :-)

3 Antworten zu “Der Weg in die Mutterrolle”

  1. amidelanuit sagt:

    das ist sehr schön geschrieben, danke dafür!

  2. stilke sagt:

    liebe kaanu, vieles was sie hier (so schön - da gebe ich frau ami mal wieder recht) schreiben, kann ich voll unterschreiben. das schlüsselwort ist - denke ich- “verantwortung”. auf die bereitet einen kein buch und kein mensch vor. wenn man seine rolle als mutter (oder vater) auch nur ansatzweise ernst nimmt, bleibt es vermutlich nicht aus, dass einem die verantwortung manchmal scheinbar (!!!) zu viel wird. und eben diese “abzugeben” (mit fremdbetreuung) oder sich davon “abzulenken” (durch “normale” arbeit) brauche ich zum beispiel wie die luft zum atmen. das gestehe ich hier ganz offen. und dann macht auch das bauklötze stapeln wieder spass :-)

  3. kaanu sagt:

    @ ami: Danke - wobei mir inzwischen schon wieder tausend andere Dinge in den Kopf kamen, die zu dem Thema gehören und in dem Text fehlen - so ist das nun mal beim Bloggen. ;-)

    @ stilke: Du bringst es auf den Punkt - mich hat damals die 100%ige Verantwortung für den Großen fast erdrückt. Nicht das nächtliche Arbeiten war das Problem, sondern dieses ständige zur-Verfügung-stehen. Ich empfinde meine jetztige Situation - auch wenn sie mir nicht selten über den Kopf zu wachsen droht und Unzufriedenheit mit meiner Leistungsfähigkeit bei mir selbst herrscht - als Privileg: ich weiß beide Kinder in hervorragenden Einrichtungen sehr gut aufgehoben, darf arbeiten und mir es manchmal sogar herausnehmen, in der Kita-Zeit was für mich zu machen - es kommt zu selten vor, aber es kommt vor und diese Momente genieße ich um so mehr.

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